Neujahrsanfang

2008 Dezember 14
by Daniie Valente

Angespannte Hektik:
Elisabeth Herzsprung durchläuft zügig das riesige Appartement. Ihre hohen Absatzschuhe klingen auf dem Parkett wider. Vor einem Spiegel im Flur bleibt sie stehen, richtet ihre Frisur. Dann läuft sie weiter und sieht in jedes Zimmer. Ihr Mann Markus Herzsprung kommt aus einem Nebenzimmer und ist dabei seine Manschettenknöpfe anzubringen.
An der Seite des großen festlich geschmückten Christbaum bleibt er stehen: „Schatz, du hast wirklich alle Räume noch einmal durchgesehen, es fehlt nirgends an etwas und für klinische Sauberkeit wurde auch gesorgt.“
Elisabeth beunruhigt: „Ja ich weiß, aber deine Eltern haben wir nur einmal im Jahr zu Besuch.“ Sie wischt noch einmal über einen Schrank.
Markus schließt den letzten seiner Knöpfe und zieht seine Frau dann am Arm zu sich: „Sei unbesorgt. Es ist alles perfekt.“ Er küsst sie. „Wollen wir jetzt gehen?“
Elisabeth streicht ihre Kleidung glatt und räuspert sich: „Natürlich.“
Vom Sofa nimmt sie ihre Handtasche und einen dicken Mantel auf. Richtung Flur bleibt sie am Geländer einer Wendeltreppe stehen.
Sie ruft nach oben: „Ella, kommst du?“
„Ja.“ Tönt es aus den oberen Stockwerk.

In ihrem eigenen Zimmer steht Ella Herzsprung vor dem Fenster, ein Leuchtender Stern hängt als Weihnachtsschmuck darin. Ella hält ein Telefon am Ohr: „John, ich muss jetzt los.“
„Ja, den Termin habe ich.“
„Ich werde morgen fertig. Dem Druck kann nichts mehr im Wege stehen.“
„Bis später.“

Ein Weihnachtsmarkt:
Überall sind Buden aufgebaut, viel zu viele Menschen sind anwesend, Weihnachtsmusik tönt aus den Boxen, Elisabeth und Markus treffen auf Bekannte und fleißig werden Hände geschüttelt.
Peter Tauscher: „Hallo.“
Elisabeth: „Hallo.“
Markus Herzsprung: „Grüß dich.“
Sonja Tauscher: „Wie schön, dass wir uns trotzdem gefunden haben.“
Peter: „Ella, hallo.“
Ella: „Hey.“
Zusammen besichtigen sie den Weihnachtsmarkt und bleiben an einem Glühweinstand stehen.
Markus und der Bekannte Peter bringen vier Tassen mit dampfendem Inhalt. „So, für die Damen, mit Heidelbeer, wir Herren, bekommen die hier. Was drin ist verraten wir nicht.“
Markus und sein Freund Peter lachen.
Ella steht daneben und entdeckt den Musikladen direkt hinter ihnen: „Mama, ich geh noch mal ins Musikhaus Charts“
Elisabeth nickt eifrig: „Mach nur.“

Ella tritt in das Geschäft ein, die Türglocke klingelt.
Friedrich Juste, der an einem Drehstand steht, hebt den Kopf und ihre Augen treffen sich.
„Hi.“ Meint er freudig überrascht.
„Hallo.“ Sie lächelt schüchtern, geht dann weiter.
Sie durchläuft das Musikgeschäft und ihre Augen strahlen bei all den Gitarren.
Friedrich sieht ihr hinter.
Bei den Drums bleibt sie stehen und ist versucht darauf zu schlagen.
Friedrichs Vater, Rainer Juste, tritt aus einem Hinterraum. Er verabschiedet sich von einem Verkäufer: „Machs gut.“
„Bis zum nächsten Mal.“ und entdeckt Friedrichs Blick. Die Männer nicken sich zu.
Rainer Juste energisch: „Junge.“ Doch Friedrich reagiert nicht.
Er schlägt Friedrich sanft auf den Hinterkopf. „Komm, wir gehen.“
Friedrich überrascht: „Was?“
Er wendet sich noch einmal um, damit er Ella ein letztes Mal sehen kann.
Rainer raunt: „Komm endlich!“
Friedrich trottelt seinem Vater hinter, der amüsiert lächelt.

Eine Oper:
Unzählige schick gekleidete Menschen befinden sich auf dem Weg zur Oper oder bereits im Foyer. Man unterhält sich freundlich oder nickt sich zu.
Ella und ihre Eltern nehmen ihre Plätze ein.
Das Licht wird gedimmt und durch die Sitzreihen läuft ein erwartungsvolles Raunen.
Das Orchester spielt die ersten Töne und der Vorhang öffnet sich. Der Dirigent, Raines Juste aus dem Musikgeschäft, leitet seine Musiker schwungvoll.

Nach dem Konzert sitzen die Gäste an einzelnen Tischen beisammen. Kellner bringen Essen an die Tische und man unterhält sich laut schwatzend. Der Raum ist voll von Stimmen und den Geräuschen des Bestecks.
Neben Ella, Elisabeth und Markus Herzsprung haben sich auch Walter und Serena Herzsprung eingefunden. Außerdem sitzt noch ein befreundetes Paar der Grosseltern mit am Tisch und die Bekannten von Elisabeth und Markus vom Weihnachtsmarkt.
Walter führt das Gespräch an: „Wenn Marcel einmal den Ball an den Fuß bekommt, dann kannst du gar nicht so schnell gucken, da ist er schon weg. Sogar der Trainer aus der A will ihn jetzt haben, aber Karsten denkt gar nicht daran seinen fähigsten Spieler wegzugeben. Er ist schon dreimal zum besten Spieler des Turniers gewählt wurde.“
Willhelm Hinze tönt: „Hört, hört!“ und prostet in die Runde.
Walter Herzsprung selbst lobend: „Und Claire war letzte Woche in der Zeitung.“
Mena Hinze interessiert: „Ach so?“
Serena ergänzend: „Schon das zweite Mal.“
Walter ist überrascht, dass noch niemand von dem Erfolg seiner Enkelin gehört hat und berichtet weiter: „Ja sie schreibt doch mit ihrem Schreibzirkel in der Schule kleine Geschichten.“
Ella legt ihren Löffel ab und sieht zu ihrem Vater. Dieser schüttelt kaum merklich den Kopf.
Ella legt die Stirn in Falten. Sie tupft sich mit einer Serviette den Mund ab, schiebt ihren Stuhl ein wenig nach hinten und steht auf: „Bitte entschuldigt mich.“
Zügigen Schrittes verlässt sie den Saal und durchquert den breiten Flur. Die großen Fenster sind geöffnet und man kann nach draußen auf den Balkon gehen.

Ella stützt sich auf die Brüstung und schließt die Augen.
Einen Moment atmet sie tief durch und wird dabei nur von den Lichtern der Stadt und den Geräuschen der Straße begleitet, während die Gespräche und das Gelächter in den Hintergrund rückt.
Sie merkt, wie jemand hinter ihr steht und sie dreht sich um.
Friedrich steht lächelnd vor ihr und hält ein Glas in der Hand: „War es dir drinnen zu warm?“
Ella außer sich: „Unerträglich!“ sie besinnt sich eines besseren, geht aber dennoch freundlich auf den Jungen ein: „Aber warum fragst du?“
„Du bist fluchtartig nach draußen gestürmt.“
„Oh, ja.“ Es entsteht eine kurze Pause zwischen den beiden.
Friedrich interessiert sich weiter: „Wie hat dir das Konzert gefallen?“
Gefällig antwortet sie: „Es war sehr schön. Und dir?“
Friedrich gelangweilt: „Irgendwann hängt es einem zum Halse heraus. Mein Vater ist der Dirigent dieser Oper und ich habe schon einige Vorstellungen mit angesehen.“
Mit mehr Begeisterung als zuvor: „Ich könnte es noch einmal sehen.“
Friedrich freundlich: „Friedrich Juste mein Name übrigens.“ Er reicht ihr die Hand.
Ella lacht, nimmt aber an.
Walter Herzsprung tritt auf die beiden zu: „Ella! Hier steckst du ja, hier steckst du ja.“
Friedrich ihrem Großvater entgegen: „Guten Abend.“
Walter gutmütig: „Guten Abend.“
Ella macht die beiden miteinander bekannt: „Großpapa, das ist Friedrich Juste.“
Sie schütteln die Hände: „Angenehm, ist Ihr Vater zufällig Rainer Juste?“
Friedrich höflich: „Ja, kennen Sie ihn?“
Walter weltmännisch: „Er ist ein langjähriger Bekannter. Vielleicht treffe ich ihn ja noch irgendwo?“
Friedrich gastfreundlich: „Nach den Konzerten mischt er sich stets unter die Gäste.“
Walter: „Dann halte ich die Augen offen. Ella, du machst das hier?“
Ella zuversichtlich: „Natürlich.“
Walter verabschiedet sich mit einem weiteren Händedruck von Friedrich: „Na dann, noch einen schönen Abend, Friedrich, es hat mich gefreut.“
Friedrich gefällig: „Ebenfalls.“
Walter ist aus ihrer Sichtweite verschwunden und Ella schlägt die Hand vor den Mund: „Oh Gott ist das peinlich.“
Friedrich interessiert: „Wieso?“ er sieht wie sie fröstelt und schieb hinterher: „Sollen wir erst einmal wieder herein gehen?“
Ella: „Ja bitte.“ Sie verlassen den Balkon und durchlaufen den Flur und setzen sich in den Zuschauerraum der Oper.
Ella erklärend: „Ich meinte, dass er dich so zu überfallen mit seinen Fragen“
Friedrich tut es mit einer Handbewegung ab: „Ach, das ist nicht weiter schlimm.“
Ella nachfragend und ihn genauestens musternd: „Wirklich nicht? „
Friedrich sieht sie herausfordert an: „Würdest du dich mit mir treffen?“
Ella zu erst missverstehend: „Was?“
Friedrich: „Dann würde ich die Bekanntschaft mit deinem Großvater immer mit etwas gutem verbinden.“
Ella lacht, meint dann aber: „Gern.“
Friedrich ist völlig überrascht von ihrer Zusage: „Treffen?“
Ella bestätigend: „Ja.“
Friedrich: „Morgen Abend, was hältst du davon?“
Ella: „Es soll mir recht sein.“
Friedrich: „Okay, dann hole ich dich um sieben ab und wir gehen Eislaufen?“
Ella überlegt einen Moment: „Wir treffen uns fünf nach sieben an der Eissporthalle.“
Friedrich zufrieden: „Na gut, dann so.“

Elisabeth und Markus stehen an der Bar und bedienen gerade ihre Gäste. Ella grüßt alle von weiten. Ihre Mutter sieht fragend zu ihr: „Willst du noch weg?“
„Ja, ich bin zum Eis laufen verabredet.“ Meint Ella und schlingt ihren Schal um den Hals. Elisabeth kommt näher und drückt ihre Tochter. „Dann viel Spaß.“
„Danke, genießt den Abend.“ Antwortet Ella und verschwindet im Flur.
Ihre Mutter wirft einen Blick in ihr Zimmer. Die Schlittschuhe stehen im Regal und Elisabeth ruft Ella hinterher: „Warum nimmst du denn nicht deine Schlittschuhe mit?“
Die Tür fällt ins Schloss. Elisabeth sieht ahnungslos zu ihren Besuchern.

Die Außenbahn der Eissporthalle ist durch vier Flutlichter hell erleuchtet. Ella und Friedrich staken lächelnd auf die Eisfläche zu.
Ella sieht in strahlend an: „Bist du bereit?“
Friedrich noch lächelnd und scherzend: „Wenn du los sagst.“
Beide lachen und lassen sich dann über die Eisfläche gleiten.
Sie nehmen vom Rand frisch gefallenen Schnee ab und beschießen sich damit. Sie steuern auf einander zu und halten sich aneinander fest.
Ella neckend: „Du bist!“ sie tippt ihm auf die Brust und läuft dann davon.
An ihrer Eintrittsstelle angelange lehnt Ella gegen eine Absperrung und grinst ihn an.
Friedrich kommt außer Atem an und lehnt sich neben ihr ab: „Du läufst wirklich sehr gut.“
Ella grinst: „Viel Übung.“
Von weiter weg wird ein Ruf deutlich: „Hey, Friedel.“
Ein junger Mann kommt neben ihnen kommt nur schwer zum stehen, lacht dennoch. „Diego, das ist Ella, Ella, Diego.“
„Hallo.“ Meint Diego freundlich und reicht Ella die Hand.
„Hey.“ Sie nickt und lächelt.
An Friedrich gerichtet: „Ich werde was trinken.“
Friedrich: „Okay.“
Ella verlässt die Eisfläche.
„Mann, ich versuche dich schon die ganze Woche zu erreichen, aber du gehst einfach nicht an dein Telefon, wofür hast du das ding eigentlich?“
Ella erreicht die Tribüne und geht zu ihren Sachen. Dort nimmt sie die Thermoskanne und gießt sich Tee in den abgeschraubten Deckel.

Die Jungs unterhalten sich eine Weile. Ella verfolgt mit den Augen die anderen Menschen auf der Eisfläche. Ihre Miene wird nachdenklich und vor ihrem geistigen Augen spiegelt sich ein Unfall auf der Eisfläche wieder. Eine junge Eiskunstläuferin stürzt und prallt immer und immer wieder auf.
Friedrich blickt ernst zu Ella hinunter: „Ella?“
Ella schreckt auf und fragt: „Was?“
Friedrich ist besorgt: „Alles in Ordnung?“
Ella schüttelt den Kopf und lächelt wieder: „Ja, ja. Entschuldige.“
Friedrich legt seine Stirn an ihre: „Kein Problem Süße.“
Sie küssen sich sanft und schmunzeln dann beide.
Ella flüstert: „Danke!“
Friedrich verdreht die Augen und weist dann auf die anderen am Rand der Eisfläche: „Meine, meine Freunde wollen noch in eine Karaokebar.“
Ella entfährt ein: „Oh ja.“
Friedrich ist überrascht, dass sie zustimmt: „Ja?“
Ella: „Klar, warum nicht.“

Sie sitzen zu zehnt um einen kleinen Tisch und lachen und johlen als Diego an der Reihe ist. Ein schiefer Ton folgt auf den nächsten doch er lässt sich den Spaß nicht nehmen. Ella geht an die Bar, eine junge Frau tritt auf sie zu. Friedrich kommt gerade aus einer Seitentür wieder herein.
Ella wird von einer jungen Frau angesprochen: „Ella Herzsprung?“ Friedrich tritt gerade aus einer Seitentür.
Ella ist im ersten Moment überrascht, will nicht erkannt werden: „Wie bitte, oh nein.“
Die junge Frau beharrt auf ihre Erinnerung: „Na klar, du bist doch Eiskunstläuferin.“
Ella ist am gehen und meint noch: „Ich glaube, sie verwechseln mich.
Die fremde Frau guckt irritiert, gibt aber auf und geht weiter. Friedrich legt seinen Arm um Ella.
Ella windet sich heraus und meint dann mit ernstem Ausdruck: „Friedrich, ich muss jetzt gehen.“
Sie nimmt ihre Jacke vom Haken und ist schon verschwunden.

Zu Hause ankommend sitzt Markus Herzsprung auf der Coach im Wohnzimmer. Er sieht sich alte Videos an. Zu sehen ist ein kleines Mädchen in einem kurzen Röckchen und weißen Schlittschuhen. Sie winkt in die Kamera.
Ella meint genervt: „Pa, kannst du das nicht bitte ausschalten?“
Er lehnt sich nach hinten: „Mir gefällt es aber.“
Ella resolut: „Ich kann es nicht sehen.“ Schnaufend stapft sie die Treppen nach oben und betritt ihr Zimmer.
Sie wirft ihre Jacke über die Sofalehne und setzt sich selbst hin. Der Fernseher erhellt den Raum und Ella schaltet die Sender durch. Einen Bericht über ein Eislaufpaar verfolgt sie kurz, dann legt sie genervt den Kopf nach hinten.
Das Telefon klingelt
Sie sieht auf ihre Jacke und wartet, bis es aufhört.
Resigniert seufzt sie.

Ella lehnt sich an die Schulter ihres Vaters im Wohnzimmer. Noch immer läuft ein Video mit dem kleinen Mädchen über den Bildschirm.
Ella ruhig: „Ich glaube, ich habe jemanden ziemlich vor den Kopf gestoßen.“
Markus sanftmütig: „Was ist denn passiert?“
Elisabeth tritt aus dem Schlafzimmer. Eingehüllt in einen Morgenmantel sieht sie sich eine Weile die beiden an.
Ella: „Eine junge Frau hat mich erkannt und angesprochen, ich habe geleugnet, dass ich Ella Herzsprung bin, aber Friedrich hat die Wahrheit dennoch erkannt.“
Markus väterlich: “ Wenn er ein rechtschaffener junger Mann ist, wird er sich wieder bei dir melden.“
Ella genervt: „Und eine Erklärung erwarten.“
Markus überlegend: „Das kannst du dir dann noch immer überlegen. Du musst niemandem etwas über dich erzählen, was du nicht willst. Du selbst entscheidest das.“
Ella: „Danke Papa.“
Markus küsst die auf die Stirn, beide starren eine Weile auf den Fernseher.
Markus unvermittelt: „Sieht du John in den nächsten Tagen?“
Ella: „Ich nehme es an.“
Markus: „Dann grüß ihn bitte.“
Ella: „Ich werde es versuchen.“
Elisabeth bricht in die Stille herein: „Ihr seid mir zwei echte Herzsprungs! Eigensinnig, stolz und unverbesserlich. Es ist fünf Uhr am Morgen.“
Kopfschütteln gesellt sie sich zu den beiden aufs Sofa und kuschelt sich an ihren Ehegatten.

Ella liegt in einer dampfenden Wanne, ihr Gesicht ist unter Wasser getaucht.
In ihren Gedanken laufen die Bilder der letzten Tage noch einmal der Reihe nach ab: Die erste Begegnung mit Friedrich im Musikhaus Charts – das Tischgespräch mit ihren Großeltern – das Wiedersehen auf dem Balkon – das Auftreten ihres Großvaters – Eislaufen mit Friedrich zusammen – der Unfall, der Unfall, immer wieder der Unfall.
Ihr Kopf schießt aus der Wasseroberfläche hervor.
Sie atmet schwer.

Ella und John Herzsprung sitzen am hellerlichten Tag in einem Cafe.
Ella poltert drauf los: „Es ist einfach so unfair!
John meint besänftigend: „Ella!“
Ella ist aufgeregt und die Worte sprudeln nur so aus ihr heraus: „Das ist doch wahr. Sie kommen hier her und feiern ihren Schützling ab, das was du schon geleistet hast sehen sie gar nicht. Es scheint ihnen nichts zu bedeuten, obwohl wir das gleiche Recht darauf hätten diese Aufmerksamkeit von ihnen zu bekommen, wie Claire und Marcel.“
John trinkt einen Schluck aus seiner Tasse und sieht dann fürsorglich zu Ella: „Du bist von ihnen enttäuscht, das verstehe ich. Aber du musst es nicht meinetwegen sein. Ich habe dieser Familie schon lange den Rücken gekehrt und es ist mir gleich, ob sie das was ich meine Arbeit nenne achten oder nicht.“
Ella sieht wütend in die entgegen gesetzte Richtung: „Kleinbürgerlich sind sie einfach. Verbohrt und altmodisch.“
John lacht lauthals und sieht seine kleine Schwester gerührt an.

Friedrich läuft zusammen mit seinen Freunden an dem Cafe vorbei. Er erkennt Ella und bleibt stehen.
„Ist das nicht Ella?“ fragt Martin.
„Wer ist der Typ bei ihr?“ will ein anderer Freund wissen.
Friedrich schaut ernst drein. Zu seinen Freunden meint er: „Geht schon mal vor, ich komme gleich nach.“

John sieht zu Friedrich auf, der mit einem Blick der nach Antworten sucht auf sie zugesteuert kommt. „Hey.“
„Hallo.“ Entgegnet Friedrich knapp. Er sieht zu Ella, die merkt, dass sie die Situation erklären muss: „Friedrich, das ist mein Bruder John.“
John sieht die Blicke die die beiden untereinander austauschen und steht auf: „Ich gehe mal bezahlen.“
Friedrich und Ella sehen sich noch immer fragend an.

Sie stehen draußen auf einem Parkplatz.
John und Ella verabschieden sich mit einer Umarmung. Ella fragt mit gequältem Gesichtsausdruck: „Kommst du heute Abend vorbei?“
John blickt sie mitleidig an: „Ich bezweifle es.“
Ella: „Dann wünsche ich dir ein frohes neues Jahr.“
John meint herzlich: „Ich dir auch Schwesterherz. Auf das du glücklich wirst.“
Ella meint abschließend: „Wir hören voneinander.“
„Ganz sicher. “ an Friedrich gewand: „Hat mich gefreut.“
Friedrich sieht John noch immer rivalisierend an, sagt dennoch knapp: „Tschau.“

Ella sieht Friedrich fragend an. Sie schlagen einen Weg in den Park ein. Menschen mit Raketen und Silvesterknallern laufen an ihnen vorbei.
Friedrich fragt argwöhnisch: „Dein Bruder?“
Ella bestätigend: „Ja.“
Friedrich sieht sie prüfend von der Seite an.
Ella ruhelos: „Was ist los?“
Friedrich beschützend: „Ich habe mir Sorgen um dich gemacht.“
Ella sieht weg und meint ein wenig trotzig: „Das, das musst du nicht.“
Friedrich rechtfertigend: „Ich hatte keine Ahnung, was der Grund war für deine plötzliche Flucht und dann konnte ich dich Tage lang nicht erreichen. Als nächstes sehe ich dich mit irgendeinem Typen in einem Cafe sitzen und gemütlich Cappuccino schlürfen.“
Ella bleibt stehen und meint belustigend: „Du warst eifersüchtig?“
Friedrich nur halb ernst: „Ich finde das nicht lustig.“
Sie küsst ihn und sein Gesichtsausdruck wird sanftmütiger, während er seinen Arme um sie schlingt und nicht mehr weglässt.
Ella: „Nein, ist es nicht. Es tut mir Leid. Aber um dich zu beruhigen, John ist tatsächlich mein Bruder. Und es war mir wichtig ihn zu sehen. Ich brauchte jemanden, mit dem ich reden konnte.“
Friedrich lässt sie los und nimmt stattdessen ihre Hand: „Worüber reden?“
Ella seufzt: „Ich bin wütend auf meinen Großvater, weil er immer nicht sieht, dass er noch mehr als zwei Enkel hat. Mein Cousin ist Fußballer und weiß Gott was für ein hochbegabter Mensch.“
Friedrich sieht ausflüchtend weg. Seine Stirn liegt in Falten, sich zum reden durchgerungen sieht er ernst zu ihr: „Ella?“
Anstatt ihn reden zu lassen bricht Ella aus sich heraus: „Nein, ich will das nicht verstehen. Weist du, mein Großvater hat sich noch nicht einmal die Mühe gemacht meinen Bruder oder mich näher kennen zu lernen. Er hat einfach gerichtet und glaubt seine Meinung ist die einzig richtige und alles was außerhalb des Bereichs Fußballgott liegt, zählt nicht.“
Friedrich will mehr erfahren: „Was hat dein Bruder denn verbrochen?“
„Sagen dir die Namen Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir etwas?“
„Die zwei französischen Philosophen die nicht so sehr auf Monogamie standen?“
„Genau. In einem gutbürgerlichen Familie wie der meinen ist das gar nicht gut angesehen. Mein Bruder ist für meine Großeltern das schwarzes Schaf der Familie. Er hat wahrscheinlich so gut wie alles falsch gemacht, was man in ihren Augen unter sträflich zählen könnte. Mit 18 ist er nach Amerika ausgewandert und hat dort für einen Verlag angefangen zu arbeiten. Fünf Jahre später ist er zurückgekommen und hat sich hier den Traum einer eigenen Zeitungsredaktion erfüllt. Er ist unverheiratet und lebt mit drei Frauen zusammen. Er hat übrigens einen Freund.“
„Wow, ich glaube kaum, dass auch nur irgendeine Familie das akzeptieren würde.“
„Eher nicht. Aber er tut immer etwas für sein Glück und hat dabei schon viel erreicht.“
„Was willst du einmal erreichen?“
Sie überlegt einen Moment.
„Ich weiß nicht.“ Resigniert sie. „Vielleicht anfangen mein eigenes Leben zu führen.“
„Tust du das denn nicht?“
„Ich fürchte nein.“
„Ella, kann ich dich etwas fragen?“
„Natürlich.“
„Was ist damals passiert?“
Sie setzen sich auf eine Parkbank.
Sie seufzt, dann beginnt sie zu erzählen: „Ich war 19 und am Höhepunkt meiner jugendlichen Karriere als Eiskunstläuferin angelangt. Die europäischen Meisterschaften standen an und ich hatte es ins Finale geschafft. Bei meinem letzten Lauf jedoch stürzte ich. Das war das Ende, ich kehrte dem Eiskunstlaufen den Rücken und habe mich nach meiner Kurierung um mein Studium gekümmert.“
„Aber die Menschen erkennen dich noch immer.“
„Ich will das aber nicht, für mich ist das etwas was hinter mir liegt und womit ich abgeschlossen habe.“ Ein Rentnerpaar kommt angelaufen. Friedrich und Ella stehen auf, um das Paar sich setzen zu lassen.
„Das verstehe ich. Aber du musst nicht deinen Namen deswegen verleugnen.“
„Nein?“
„Du bist so schlau und talentiert. Du brauchst dich nicht verstecken. Ich finde es unglaublich, dass du dich dennoch traust auf das Eis zu gehen.“
Sie lacht: „Alles nur Tarnung.“
„Ich habe dir eh nicht geglaubt, dass du nur viel geübt hast.“
„Das war noch nicht mal gelogen.“
„Nein, aber ich habe gar nicht gewusst, wer du bist. Allein dein Auftreten hat mich schon so fasziniert, dass ich alles andere herum vergessen habe und es nicht wichtig war.“
„Ich weiß nicht ob das ein Kompliment sein soll.“
„Ich würde es durchaus als solches bezeichnen.“
Sein Handy klingelt. Er sieht entschuldigend zu Ella und meint dann: „Mein Vater.“
Ella redet gut zu: „Dann geht ran.“
Sie dreht sich ab und kratzt etwas Eis von einem Schild.
„Was gibst?“
„Noch unterwegs.“
„Das habe ich doch gesagt.“
„Nein.“
„Ja Vater. Bis dann.“ Er klappt sein Handy zusammen und steckt es in die Manteltasche.
Entschuldigend küsst er sie auf die Stirn: „Ich soll nach Hause und bei den Vorbereitungen helfen.“
„Ihr schmeißt eine Silvesterparty?“
„Ja, in der Villa Esche.“
„Ernsthaft? Meine Familie hat eine Einladung dafür.“
„Wirklich? Das ist ja fabelhaft.“
„Ja! Dann sehen wir uns also schon heute Abend wieder?“
„Davon gehe ich aus.“

Eine große Festivität in einem Saal.
Ella und ihre Familie ist anwesend, ordentlich gekleidete Paare und wichtige Persönlichkeiten laufen auf und ab.
Ella und Friedrich erblicken sich von weiten.
Ihr Vater verfolgt ihren Blick und erkennt Friedrich als den Grund für Ellas leuchtende Augen.
Gutmütig meint er: „Geh schon.“
Ella jubelnd: „Danke, Papa.“ Sie küsst ihn auf die Wange und schlängelt sich dann durch die Massen.

Gerade wollen Ella und Friedrich sich begrüßen, als Marcel zu ihnen tritt.
Marcel schleimend: „Ella, wie schön dich hier zu sehen.“
Ella ist überrascht: „Marcel, was machst du denn hier?“ noch ein wenig argwöhnischer: „Bist du nicht auf einer Feier deines Fußballvereins?“
Marcel überheblich: „Das, ist die Feier und Friedrich ist mein bester Abwehrspieler!“
Ella sieht Friedrich unverständlich an. Dieser seinerseits blickt demütig und sucht nach Worten um ihr zu erklären, warum er es ihr noch nicht erzählt hatte.
Marcel: „Was ist los Cousinchen? Du guckst so, als hättest du dich auf der Party geirrt.“
„Sieht wohl so aus. Bitte entschuldigt mich.“
Marcel lacht dümmlich und hebt gespielt unwissend die Schultern. „Frauen.“ Meint er zu Friedrich.
Während Marcel den nächsten anspricht, sieht Friedrich hinter Ella her. Er überlegt ob er ihr nachlaufen soll. Sein Blick auf sie wird verdeckt.
Er stellt sein Glas auf einem Tablett ab und geht in die Richtung von Ella.

Er durchläuft die Räume und lauscht an den Zimmertüren.
Unterwegs begegnet ihm eine Haushaltsdame: „Guten Abend Frau Melinski, haben sie gerade eine junge Dame gesehen, die durch diesen Gang gelaufen ist?“
„Jawohl, vor zwei Minuten hat sie mich nach ihrem Zimmer gefragt, ich habe sie hinein gelassen. War das richtig?“
Friedrich muss ihre Worte erst richtig ankommen lassen, dann antwortet er abgehackt: „Ja“ nach einer Pause: „Danke.“

Friedrich tritt leise in den Raum.
Ella steht am Fenster, während im Kamin ein Feuer prasselt.
Der Raum wird nur schwach erhellt. Ein großer, schwerer Schreibtisch, ein breites Himmelbett, ein weiterer Schrank und Gemälde an den Wänden, sowie die hohe Decke werden sichtbar.
Friedrich geht auf Ella zu: „Warum bist du so wütend?“
Ella sieht in mit hochgezogenen Augenbrauen an: „Was?“
Friedrich energisch: „Du bist nicht zufrieden wie dein Großvater deinen Cousin vorzieht und nicht sieht, was dein Bruder aufgebaut hat.“ Friedrich setzt sich auf das Fußende seines Bettes und streift die Schuhe ab: „Ich wünschte, ich hätte dir schon früher gesagt, was ich mache. Dass dein Cousin und ich in einem Team spielen. Ich wollte es auch, aber du warst heute im Park so aufgebracht, ich wollte dich nicht noch mehr verstimmen. Du hast es nicht verdient, von irgendwem oder durch irgendetwas verletzt zu werden. Ich würde alles tun, nur damit es dir besser geht.“
Ella stößt jammernd: „Ach Friedrich!“ aus.
Friedrich zieht sie auf seinen Schoß und flüstert: „Ich werde dir zuhören. Ich lasse dich ausreden, aber ich bitte dich, sei ehrlich zu mir.“
Sie beginnt zu weinen und schmiegt sich an seine Brust.

Ella erwacht am frühen Morgen. Neben ihr liegt Friedrich, der tief und fest schlummert.
Zufrieden lächelnd schwingt sie sich aus dem Bett und tritt an das Fenster.
Das Sonnenlicht scheint hinein und taucht alles in ein goldgelbes Licht.
Ella öffnet behutsam das Fenster und beugt sich nach draußen. Der verschneite Park vor ihr liegt still und weit da. Ein paar Vögel zwitschern und sie saugt die kalte Luft ein. Sie scheint einen Entschluss gefasst zu haben, als sie das Fenster zügig schließt und dann ihre Sachen vom Boden aufnimmt und den Raum verlässt.

Friedrich steht aufgeregt vor der Tür der Familie von Ella.
Ellas Vater tritt an die Tür: „Guten Morgen, was kann ich für dich tun?“
Friedrich ist ein wenig unsicher: „Ist Ella da?“
Markus Herzsprung meint: „Nein, sie ist im Stadion.“
Friedrich überrascht: „Im Eisstadion?“
Markus Herzsprung lächelt: „Ja.“

Im Eisstadion:
Friedrich läuft durch die Ränge. Auf der Eisfläche läuft nur eine einzige Person.
Ella dreht ihre Pirouetten, wird schneller, bremst ab. Läuft wieder los. Friedrich ist bei ihr angekommen. Sie erkennt ihn und kommt auf ihn zu. Die beiden lächeln.
Er fragt: „Würdest du dich mit mir treffen?“
„Nur zu gern.“

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